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Ausgabe vom 27. Januar 2007
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»Zahl«-Tag eines Realisten

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»Zeichen-Haft«: Reinhard Hanke in Adolf-Saenger-Stiftung

gmz Siegen. Zahlen, wohin man blickt – in alter Normschrift, in neuer Computerschrift, mal sind die Zahlen unversehrt, mal aufgebrochen, mal zerstückelt, mal verspielt, mal ziehen sie geordnet als Schablone über das Blatt, mal als Umriss. Zahlen, sagt Reinhard Hanke, der in Kreuztal lebende Künstler, dessen Ausstellung »Zeichen-Haft« morgen in der Adolf-Saenger-Stiftung, dem Ausstellungsforum des Siegerlandmuseums in der Siegener Oranienstraße eröffnet wird (11Uhr), Zahlen bestimmen unser Leben. Nicht nur als Ausdruck der wirtschaftlichen Notwendigkeiten (oder der Interessen, die für notwendig erklärt werden), sondern auch als Symbol für den Menschen selbst und sein Streben.

Die Zahlen, so Hanke, gehören zu den ältesten und kulturübergreifenden Symbolen, die die Menschheit zwischen Polynesien und Europa kennt: Sie repräsentieren Dualität, Einheit, Perfektion. Insofern sind sie also nicht nur Druckmittel auf, sondern auch Ausdrucksmittel für den Menschen.

Aber je länger man sich die Arbeiten ansieht, desto stärker drängt sich dem Betrachter der Eindruck auf, dass hier der Mensch zur Zahl, zur Nummer wird, verwaltbar, beherrschbar, entindividualisiert, hinter Gitter gesperrt. Von der Nachbarnummer unterscheidet er sich nur durch eine einzige Ziffer in der 13- oder noch mehrstelligen Zahl – ein Unterschied, der praktisch nicht mehr wahrnehmbar, wohl aber verwaltbar ist.

Dass diese »Verwaltung« keineswegs immer human ist, zeigt Reinhard Hanke an mehreren Beispielen: Der bearbeitete Computerausdruck – die Bearbeitung ist der Versuch, die unmenschliche Wiederholungs»perfektion« des theoretisch 10000-fach gleichen Rechnerausdrucks durch den Menschen wenigstens ansatzweise zu beeinflussen – mit den sinnlos scheinenden Zahlen wird von einem »handgemalten«, ursprünglich rechnerkompatiblen Strichcode überdeckt, der aber verläuft. Wie Blut. Die Assoziationen, gegen die man sich als Betrachter nicht wehren kann, lassen die Gedanken zurückkehren zu der Arbeit, in der in einer schwarzen Fläche ein »Zahlenfenster« geöffnet ist, das den Blick freigibt auf eine blutrote, von verlaufendem Schwarz markierte Fläche. Erinnerungen an Guantanamo – und nicht nur daran – werden wach... Das Leid der Entmenschlichung, welche Form sie auch immer annimmt, ist leider fast allgegenwärtig.

Reinhard Hanke will seine strengen, ästhetisch ansprechenden, meist in Schwarzweiß gehaltenen Arbeiten (mit gelegentlichen Rot- oder Blau-Einschüben) auch ausgesprochen als Gesellschaftskritik verstanden wissen. Er sei überzeugter Realist, sagt er im Gespräch mit der SZ bei der Vorbesichtigung der Ausstellung (frühere Arbeiten sind auch zumeist gegenständliche, ins Surreale abgleitende Darstellungen), und deshalb müsse er zeigen, dass nicht das vordergründig Sichtbare unsere Welt dominiert, sondern das, was sie zusammenhält. Und das sind, wie er zeigt, die Zahlen, die über Gewinn und Verlust entscheiden, die angeblich »objektiv« die Verhältnisse beschreiben, die Welten in komplexen Systemen berechnen und entwerfen, die Machbarkeit suggerieren. Aber was soll machbar sein?! Was wollen wir, das machbar ist? Beantworten kann Hanke die Frage nicht, aber er stellt sie dem Betrachter.

Die Wanderausstellung, die auf ihrer letzten Station in Mailand Halt machen wird, ist bis 9. April zu sehen (dienstags bis sonntags 10 bis 17 Uhr).


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