»Zahl«-Tag eines Realisten
»Zeichen-Haft«: Reinhard Hanke in Adolf-Saenger-Stiftung


gmz
Siegen. Zahlen,
wohin man blickt – in alter Normschrift, in neuer Computerschrift, mal
sind die Zahlen unversehrt, mal aufgebrochen, mal zerstückelt, mal
verspielt, mal ziehen sie geordnet als Schablone über das Blatt, mal
als Umriss. Zahlen, sagt Reinhard Hanke, der in Kreuztal lebende
Künstler, dessen Ausstellung »Zeichen-Haft« morgen in der
Adolf-Saenger-Stiftung, dem Ausstellungsforum des Siegerlandmuseums in
der Siegener Oranienstraße eröffnet wird (11

Uhr),
Zahlen bestimmen unser Leben. Nicht nur als Ausdruck der
wirtschaftlichen Notwendigkeiten (oder der Interessen, die für
notwendig erklärt werden), sondern auch als Symbol für den Menschen
selbst und sein Streben.

Die
Zahlen, so Hanke, gehören zu den ältesten und kulturübergreifenden
Symbolen, die die Menschheit zwischen Polynesien und Europa kennt: Sie
repräsentieren Dualität, Einheit, Perfektion. Insofern sind sie also
nicht nur Druckmittel auf, sondern auch Ausdrucksmittel für den
Menschen.

Aber
je länger man sich die Arbeiten ansieht, desto stärker drängt sich dem
Betrachter der Eindruck auf, dass hier der Mensch zur Zahl, zur Nummer
wird, verwaltbar, beherrschbar, entindividualisiert, hinter Gitter
gesperrt. Von der Nachbarnummer unterscheidet er sich nur durch eine
einzige Ziffer in der 13- oder noch mehrstelligen Zahl – ein
Unterschied, der praktisch nicht mehr wahrnehmbar, wohl aber verwaltbar
ist.

Dass
diese »Verwaltung« keineswegs immer human ist, zeigt Reinhard Hanke an
mehreren Beispielen: Der bearbeitete Computerausdruck – die Bearbeitung
ist der Versuch, die unmenschliche Wiederholungs»perfektion« des
theoretisch 10000-fach gleichen Rechnerausdrucks durch den Menschen
wenigstens ansatzweise zu beeinflussen – mit den sinnlos scheinenden
Zahlen wird von einem »handgemalten«, ursprünglich rechnerkompatiblen
Strichcode überdeckt, der aber verläuft. Wie Blut. Die Assoziationen,
gegen die man sich als Betrachter nicht wehren kann, lassen die
Gedanken zurückkehren zu der Arbeit, in der in einer schwarzen Fläche
ein »Zahlenfenster« geöffnet ist, das den Blick freigibt auf eine
blutrote, von verlaufendem Schwarz markierte Fläche. Erinnerungen an
Guantanamo – und nicht nur daran – werden wach
... Das Leid der
Entmenschlichung, welche Form sie auch immer annimmt, ist leider fast allgegenwärtig.

Reinhard
Hanke will seine strengen, ästhetisch ansprechenden, meist in
Schwarzweiß gehaltenen Arbeiten (mit gelegentlichen Rot- oder
Blau-Einschüben) auch ausgesprochen als Gesellschaftskritik verstanden
wissen. Er sei überzeugter Realist, sagt er im Gespräch mit der SZ bei
der Vorbesichtigung der Ausstellung (frühere Arbeiten sind auch zumeist
gegenständliche, ins Surreale abgleitende Darstellungen), und deshalb
müsse er zeigen, dass nicht das vordergründig Sichtbare unsere Welt
dominiert, sondern das, was sie zusammenhält. Und das sind, wie er
zeigt, die Zahlen, die über Gewinn und Verlust entscheiden, die
angeblich »objektiv« die Verhältnisse beschreiben, die Welten in
komplexen Systemen berechnen und entwerfen, die Machbarkeit
suggerieren. Aber was soll machbar sein?! Was wollen wir, das machbar
ist? Beantworten kann Hanke die Frage nicht, aber er stellt sie dem
Betrachter.

Die
Wanderausstellung, die auf ihrer letzten Station in Mailand Halt machen
wird, ist bis 9. April zu sehen (dienstags bis sonntags 10 bis 17 Uhr).