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Kultur Meldung vom 28.04.2006, 18:51 Uhr 
Der Mensch ist auf die Zahl gekommen
„ZEICHEN-HAFT“: Arbeiten von Reinhard Hanke in der Städtischen Galerie Leerer Beutel

Von Gabriele Mayer, MZ
REGENSBURG. Kunst ist: wenn man darüber spricht. Reinhard Hanke, 1951 in Bad Oeynhausen geboren und am südlichen Zipfel Westfalens lebend, tat dies bei der Eröffnung seiner großen Ausstellung in der Städtischen Galerie mit viel Temperament in einem kleinen Vortrag. Immerhin hat er jahrelang als Lehrer gearbeitet. Am Anfang und im Vordergrund steht die Zahl bei diesen einprägsamen Arbeiten aus Papier, Acrylglas und Holz. Die Zahl als tief symbolische Größe und als ästhetisches Phänomen.
Unser Informations- und Datenzeitalter ist von Zahlen überschwemmt. Der Mensch ist auf die Zahlen gekommen als abstrakte, mathematische Größen, durch sie wird er demographisch und biometrisch erfasst, per Zahl rastern die Computer unsere Welt, Zahlen lenken unsere Wirtschaft und Zahlencodes noch vieles mehr. Die Zahl ist zum Denk- und Weltmuster geworden. Die Zahl als arabisches Schriftzeichen verschafft sich einen starken, dekorativen und überraschend suggestiven Ausdruck auf den Bildern Reinhard Hankes. Weit jenseits ihrer flächendeckenden Aktualität habe die Zahl von alters her und in ihrem Ursprung noch einen grundlegenderen Stellenwert für uns, sagt Hanke: Der Eindruck einer amorph-chaotischen, einheitlich unübersichtlichen Welt, der der Mensch sich vor Urzeiten ausgesetzt sah, habe die Eins geschaffen. Vielleicht so oder anders, an Zahlen jedenfalls haftet ein greifbarer ins Mythische weisender „Beigeschmack“.
Zahlenreihen begegnen uns auf dem Terminkalender als gepanzerte Zeit, die wir mit unserem Erleben zu füllen suchen. Wie Geister aus der Flasche purzeln die Zahlen bei Hanke in die Bilder hinein, groß, mächtig und dunkel auf der meist weißen Fläche. Oder sie lauern im Hintergrund, verheißen zackige Struktur und Ordnung und prägenden Maßstab.
Das andere Standbein des philosophierenden Künstlers Hanke ist neben der Zahl das duale Prinzip, wie er es nennt, das uns immer und überall umgibt: Der nüchterne Verstand, mit dem Hanke seine Bilder konstruiert und mit dem wir die Welt modellieren, braucht das Gefühl, ohne das wir völlig orientierungslos wären. Deshalb gibt es auf seinen Bildern die dunklen Stellen, die nicht ins Regelwerk passen, die den ordentlichen Fluss der Wahrnehmung stören, wo die Ziffern in Fäden und Rinnsalen verlaufen, wo das Papier aufzubrechen scheint, wo die Struktur diffus und rau wird. Und es gibt bei den geometrisch verschlungenen Acrylglaskonstruktionen die vielen Schattenwürfe, die je nach Lichtsituation immer wieder anders ausfallen. Präzise setzt der Perfektionist Hanke solche Akzente, mal als hervorbrechende Geste, wie es seinem Temperament entgegenkommt, mal als wunden Punkt genau an der Stelle, an der man ihn nicht erwartet, wo er „stört“ und auch ein wenig verstört und perplex macht.
Bis 2. Juli, Di. bis So. 10 bis 16 Uhr


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